Motivationssysteme

Motivationssysteme und Charakterstruktur

Die praktische Analyse, sei es eine Gesprächsanalyse oder eine Imaginations-Therapie, orientiert sich selbstpsychologisch an den von J. Lichtenberg und seinen Mitarbeitern eingeführten fünf Motivationssystemen sowie an dem bevorzugten Habitus, der allgemein das typische Reagieren auf Angst die Interaktionsgrundformen bestimmt. Ich führe im folgenden die im ersten Band meines Lehrbuches weit ausgeführte Theorie von Schultz-Hencke/ Riemann mit jener neuesten Theorie der Motivationssysteme zu einem gut operationalisierbaren praxisnahen System zusammen.

Die Analyse lässt sich unschwer nach der biografischen Arbeit am Schicksal der Regulationsformen aufschlüsseln: Die Formen der Regulation des Selbstgefühls in den verschiedenen Bereichen der Motivation erfahren je nach individueller Lebenserfahrung zum Teil typische, zum Teil sehr unterschiedliche Schicksale. Die Praxis der Psychotherapie und der Analyse fördert diese Schicksale ins Bewusstsein der Analysanden. Dies ermöglicht die Arbeit an den einzelnen Verhaltens- und Interaktionselementen: Der Umgang mit der Angst führt zu typischen Verhaltensstilen, die als Charakterstrukturen bekannt sind und eine Basis psychischer Störungen enthalten. Eine Störung der psychischen Entwicklung wird immer in verschiedenen Motivationssystemen (wenn nicht in allen) anzutreffen sein und ist von typischen reaktiven Interaktionsformen begleitet. Zum Beispiel kann ein depressiver Patient Defizite in den Systemen Bindung, Exploration und Aversion aufweisen. Er kann also aufgrund seiner Lebenserfahrung seine Bedürfnisse nach Sicherheit, Zugehörigkeit, Wertschätzung usw. nicht oder nicht gut umsetzen, er hat den Mut nicht, sich seine Umwelt anzueignen, sich ihr explorativ zuzuwenden, sondern bleibt zurückhaltend und isoliert und zugleich kann er sich weder durchsetzen, und er kann ihm unangenehme Zuwendung oder Aufforderung von Aussen nicht abwehren und nicht nein sagen, sich nicht abgrenzen. Die Kombination der Regulations-Schicksale in diesen drei gestörten Motivations-systemen ergibt eine typisch depressive Verhaltensform, die sich den einzelnen Systemen überlagert und den Patienten nach aussen hin "depressiv" erscheinen lassen. "Unter" der Depression sind nun zuerst die einzelnen Störungen der Motivationssysteme zu verstehen und zu verarbeiten, bevor sich die Depression auflöst.

 

Das Selbstsystem

(modifiziert von W. Disler, nach Lichtenberg/Riemann)

Die Arbeit setzt in der biografischen Aufarbeitung der erworbenen Störungen im Bindungsystem, im Explorationssystem und im Aversionssystem an. Das erlaubt dem Patienten während der Analyse Einblick und Verständnis in seine durch Lebenserfahrung strukturierte Innenwelt und seine entsprechenden Verhaltens- und Interaktionsgrundformen. Diese Art der Analyse, deren oberstes analytisches Instrument die Empathie ist, erweist sich in der Praxis nicht nur als für den Patienten äusserst wirksam, sondern auch für den Analytiker als "benutzerfreundlich" (J. Lichtenberg et al., 2000). Ohne dogmatische Methodeneinengung ist somit ein sehr kreatives Arbeiten mit den grundlegenden psychischen Systemen möglich, das auf alle Formen psychischer Störungen anwendbar ist.

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© W. A. Disler 2007

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 18. August 2010 um 21:01 Uhr